Erstveröffentlichung: 21.08.2026
© Diplom-Kaufmann (FH) Rainer Seiffert – Vervielfältigung und Weiterverwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung und Quellenangabe
Das Seiffert-Modell
Eine praxisorientierte Erkenntnis- und Orientierungsschleife
Das Seiffert-Modell ist die Verdichtung eines über viele Jahre aus praktischer Erfahrung, philosophischer Reflexion, wissenschaftlicher Auseinandersetzung und konkreter Anwendung entwickelten Erkenntnisweges.
Es entstand nicht zunächst als theoretisches Schema, das anschließend auf die Wirklichkeit übertragen wurde. Vielmehr entwickelte sich die Methode aus der wiederholten Bewegung zwischen Wirklichkeit, Reflexion und Praxis.
Erfahrungen führten zu Fragen. Fragen führten zur Suche nach unterschiedlichen Erkenntnissen. Widersprüchliche Perspektiven führten zur weiteren Prüfung und zur Entwicklung vorläufiger Synthesen. Diese wurden in der Praxis erprobt. Die Erfahrungen aus dieser Praxis führten wiederum zu neuen Fragen, Korrekturen und einer Weiterentwicklung der bisherigen Vorstellungen.
Erst in der rückblickenden Betrachtung wurde sichtbar, dass sich darin eine wiederkehrende Struktur erkennen lässt.
Diese Struktur wird heute als Seiffert-Modell bezeichnet.
Sein grundlegender Gedanke lässt sich in einer einfachen Bewegung zusammenfassen:
Wirklichkeit → Erkenntnis → Synthese → Orientierung → Handlung → Wirkung → Rückkopplung
Das Modell versteht Erkenntnis damit nicht als abgeschlossenen Vorgang. Erkenntnis wird zu einer vorläufigen Orientierung, die sich in der Wirklichkeit bewähren und durch neue Erfahrungen korrigiert werden muss.
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1. Ausgangspunkt: Wirklichkeit und Erfahrung
Am Anfang steht keine fertige Theorie.
Ausgangspunkt sind konkrete Erfahrungen, Beobachtungen, Irritationen, Probleme oder Fragen des Lebens.
Eine Situation wird zunächst möglichst von ihrer Interpretation unterschieden:
Was ist tatsächlich geschehen?
Was nehme ich wahr?
Was weiß ich?
Was vermute ich?
Welche meiner Annahmen könnten bereits meine Wahrnehmung beeinflussen?
Die Wirklichkeit ist dabei nicht lediglich das Anwendungsfeld einer bereits vorhandenen Theorie.
Sie ist zugleich Ausgangspunkt, Gegenstand und fortlaufende Prüfungsinstanz des Erkenntnisprozesses.
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2. Die Frage öffnet den Erkenntnisraum
Aus der Erfahrung entsteht eine Frage.
Diese Frage wird nicht vorschnell aus einer einzigen Perspektive beantwortet. Der Erkenntnisraum wird bewusst geöffnet.
Dabei können unterschiedliche Quellen und Traditionen einbezogen werden:
- eigene Erfahrungen und Beobachtungen,
- wissenschaftliche Erkenntnisse,
- philosophische Positionen,
- historische Erfahrungen,
- gesellschaftliche Perspektiven,
- religiöse und spirituelle Traditionen,
- psychologische Erkenntnisse,
- praktische Erfahrungen anderer Menschen.
Dabei wird keine Quelle allein aufgrund ihrer Herkunft als endgültige Wahrheit gesetzt.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Was kann diese Perspektive zur besseren Verständigung des Problems beitragen?
So entsteht eine multiperspektivische Betrachtung, bevor eine eigene Synthese gebildet wird.
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3. Kuration und kritische Prüfung
Die Öffnung des Erkenntnisraums bedeutet nicht, dass alle Informationen denselben Wert besitzen.
Deshalb werden die gefundenen Aussagen und Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Herkunft, Aussagekraft und Funktion geprüft.
Dabei wird insbesondere unterschieden zwischen:
Beobachtung, Wissen, Behauptung, Interpretation, Vermutung und persönlicher Überzeugung.
Es wird gefragt:
- Was ist tatsächlich belegt?
- Wie zuverlässig ist die Quelle?
- Welche Aussage wird tatsächlich getroffen?
- Welche Unsicherheit bleibt?
- Welche Gegenargumente gibt es?
- Welche Perspektiven fehlen?
- Wo besteht möglicherweise ein Bestätigungsfehler?
Kuration bedeutet dabei nicht, möglichst viele Informationen zu sammeln.
Sie bedeutet:
begründet auszuwählen, ohne widersprechende Erkenntnisse vorschnell auszublenden.
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4. Gegensätze sichtbar machen
Unterschiedliche Erkenntnisse werden nicht vorschnell miteinander harmonisiert.
Widersprüche werden bewusst sichtbar gemacht.
Es wird gefragt:
Was spricht für die eine Position?
Was spricht für die andere?
Welche Voraussetzungen liegen den jeweiligen Positionen zugrunde?
Beschreiben beide möglicherweise unterschiedliche Aspekte derselben Wirklichkeit?
Unter welchen Bedingungen könnte jeweils die eine oder die andere Sichtweise zutreffen?
Gegensätze werden damit nicht ausschließlich als Problem betrachtet.
Sie können ein Hinweis darauf sein, dass die bisherige Betrachtung eines Problems noch zu einfach oder zu einseitig ist.
Das Ziel besteht deshalb nicht darin, Widersprüche sprachlich zu beseitigen, sondern darin, nach einer tieferen Struktur zu suchen, in der unterschiedliche Perspektiven miteinander verständlich werden können.
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5. Retroduktion: Vom Beobachteten zum möglichen Zusammenhang
An dieser Stelle kommt die Retroduktion als besondere Denkbewegung ins Spiel.
Ausgehend von Beobachtungen wird gefragt:
Welche Annahme oder welcher Zusammenhang könnte die beobachtete Wirklichkeit am plausibelsten erklären?
Dabei können mehrere Hypothesen entstehen.
Eine solche Hypothese ist zunächst keine Gewissheit.
Sie stellt ein vorläufiges Erklärungsangebot dar.
Ihre Tragfähigkeit wird unter anderem anhand folgender Fragen geprüft:
- Wie gut erklärt sie die vorhandenen Beobachtungen?
- Welche Zusatzannahmen benötigt sie?
- Welche Gegenargumente bestehen?
- Welche alternativen Erklärungen sind denkbar?
- Welche weiteren Beobachtungen würden für oder gegen sie sprechen?
- Wie lässt sie sich praktisch überprüfen?
Retroduktion bildet damit eine Brücke zwischen Beobachtung und möglicher Erklärung.
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6. Synthese: Aus unterschiedlichen Erkenntnissen wird ein vorläufiges Gesamtbild
Die einzelnen Erkenntnisse werden nicht einfach addiert.
Eine Synthese entsteht, wenn unterschiedliche Perspektiven und Erkenntnisse so aufeinander bezogen werden, dass daraus ein schlüssigeres Gesamtbild entsteht.
Dabei kann ein Gedanke aus einer bestimmten philosophischen oder religiösen Tradition übernommen werden, ohne dass damit automatisch das gesamte Weltbild dieser Tradition übernommen wird.
Entscheidend sind vielmehr:
- Plausibilität,
- Erklärungskraft,
- innere Kohärenz,
- Anschlussfähigkeit an vorhandene Erkenntnisse,
- Umgang mit Gegenargumenten,
- und praktische Tragfähigkeit.
Die Synthese bleibt grundsätzlich vorläufig.
Sie ist die gegenwärtig tragfähigste Verbindung der Erkenntnisse, die im bisherigen Prozess gewonnen und geprüft wurden.
Sie kann durch neue Erkenntnisse verändert oder verworfen werden.
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7. Vom Erkennen zur Orientierung
Eine Erkenntnis oder Synthese ist noch keine Handlungsentscheidung.
Zwischen
„Was halte ich für zutreffend?“
und
„Was sollte ich daraus tun?“
liegt eine eigene Reflexionsstufe.
Hier setzt der Orientierungscheck „Wahrheit – Güte – Sinn“ an.
Er stellt eine Weiterentwicklung und Präzisierung des Modells dar und macht die bisher implizite Übergangsstelle zwischen Erkenntnis und Handlung ausdrücklich.
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Wahrheit
Die erste Frage lautet:
Wie gut ist die gewonnene Erkenntnis begründet?
Dabei geht es um die epistemische Dimension:
- Welche Evidenz liegt vor?
- Wie sicher ist die Aussage?
- Welche Unsicherheiten bleiben?
- Welche Gegenargumente bestehen?
- Welche Alternativerklärungen wurden berücksichtigt?
Wahrheit prüft die Erkenntnis.
Dabei wird keine absolute Gewissheit vorausgesetzt.
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Güte
Die zweite Frage lautet:
Ist die daraus entstehende Orientierung ethisch verantwortbar?
Dabei wird unter anderem gefragt:
- Wer ist betroffen?
- Welche Folgen sind zu erwarten?
- Welche möglichen Schäden entstehen?
- Welche Interessen und Werte stehen miteinander in Spannung?
- Ist die Handlung gegenüber anderen verantwortbar?
Güte wird dabei nicht als automatisch objektiv feststehende Antwort verstanden.
Sie bezeichnet die bewusste ethische Prüfung einer möglichen Orientierung.
Güte prüft ihre ethische Richtung.
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Sinn
Die dritte Frage lautet:
Ist diese Orientierung für die konkrete Situation und das Leben sinnvoll?
Dabei geht es um die lebenspraktische Dimension:
- Welches Problem soll gelöst werden?
- Welche Bedeutung besitzt die Orientierung?
- Was soll sich dadurch verändern?
- Welche Folgen sind tatsächlich zu erwarten?
- Woran könnte sich ihre Tragfähigkeit zeigen?
Sinn bedeutet dabei nicht lediglich kurzfristigen Nutzen.
Sinn prüft die lebenspraktische Bedeutung.
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Die drei Siebe zusammengefasst
Wahrheit prüft die Erkenntnis.
Güte prüft ihre ethische Richtung.
Sinn prüft ihre lebenspraktische Bedeutung.
Die drei Dimensionen werden nicht einfach zu einem Punktwert addiert.
Sie können miteinander in Spannung geraten.
Eine Erkenntnis kann beispielsweise gut begründet, aber ethisch problematisch sein. Eine Handlung kann gut gemeint sein, aber auf einer unsicheren Annahme beruhen. Etwas kann praktisch funktionieren und dennoch langfristig problematische Folgen besitzen.
Solche Spannungen werden nicht verdeckt.
Sie werden selbst zum Gegenstand der Reflexion.
Erst wenn alle drei Dimensionen hinreichend positiv ausfallen, gilt der Übergang zur Handlung als gerechtfertigt. Fällt eine Dimension klar negativ oder stark unsicher aus, wird die Synthese oder die geplante Handlung überarbeitet – oder es wird bewusst nicht gehandelt. Die dreifache Prüfung verhindert sowohl vorschnelles Agieren als auch endloses Verharren in der Analyse.
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8. Von der Orientierung zur Handlung
Erst nach der Orientierungsprüfung wird aus der vorläufigen Synthese eine konkrete Handlungsmöglichkeit.
Die Handlung sollte möglichst:
- konkret,
- begrenzt,
- beobachtbar,
- verhältnismäßig,
- korrigierbar
- und, soweit möglich, reversibel
sein.
Die Handlung ist dabei kein Beweis der Theorie.
Sie ist ein:
Praxisexperiment.
Die Frage lautet nicht:
„Wie beweise ich, dass meine Synthese richtig ist?“
sondern:
„Was geschieht, wenn ich diese vorläufige Orientierung unter realen Bedingungen anwende?“
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9. Wirkung und neue Erfahrung
Die praktische Anwendung erzeugt neue Erfahrungen.
Diese werden möglichst bewusst beobachtet und dokumentiert.
Dabei wird zwischen Erwartung und tatsächlichem Ergebnis unterschieden:
Was wurde erwartet?
Was ist tatsächlich eingetreten?
Was hat funktioniert?
Was hat nicht funktioniert?
Welche Folgen waren beabsichtigt?
Welche waren unbeabsichtigt?
Die Praxis wird dadurch selbst wieder zur Erkenntnisquelle.
Ein Ergebnis kann die bisherige Synthese
- bestätigen,
- differenzieren,
- verändern
- oder infrage stellen.
Eine eingetretene Wirkung darf jedoch nicht vorschnell als Bestätigung der zugrunde liegenden Synthese interpretiert werden. Auch andere Ursachen oder veränderte Rahmenbedingungen können zum Ergebnis beigetragen haben.
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10. Rückkopplung und Korrektur
Hier schließt sich die Erkenntnisschleife.
Wirklichkeit → Beobachtung → Frage → Erkenntnisquellen → Kuration → Gegensätze → Retroduktion → Synthese → Orientierungscheck → Handlung → Wirkung → neue Erfahrung → neue Beobachtung & Frage→ Überprüfung und ↺
Die neue Erfahrung wird nicht unmittelbar zur neuen Erkenntnis. Sie durchläuft erneut die Unterscheidung zwischen Beobachtung, Interpretation, Hypothese und Synthese.
Die neue Erfahrung wird nun nicht nur daraufhin geprüft, ob die bisherige Synthese bestätigt oder verändert werden muss.
Es wird auch gefragt:
- Was habe ich über die Wirklichkeit neu gelernt?
- Welche meiner Annahmen haben sich bestätigt?
- Welche haben sich als falsch oder unvollständig erwiesen?
- War die Abweichung möglicherweise auf eine fehlerhafte Erkenntnis, eine ungeeignete Handlung oder veränderte Rahmenbedingungen zurückzuführen?
- Welche neue Erkenntnis entsteht aus der Abweichung zwischen Erwartung und tatsächlicher Wirkung?
- Welche neue Frage ergibt sich daraus?
Nicht nur die Synthese, sondern auch die Handlung und – wenn die Erfahrungen dies nahelegen – die Methode selbst können Gegenstand der Korrektur werden.
Der Prozess beginnt erneut.
Neue Erfahrungen, bessere Argumente, neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder veränderte Bedingungen können zu einer Revision der bisherigen Synthese führen.
Die Möglichkeit der Korrektur ist deshalb kein Mangel des Modells.
Sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Modells.
Eine Überzeugung wird nicht deshalb festgehalten, weil sie einmal entwickelt wurde, sondern weil sie sich unter fortgesetzter Prüfung weiterhin als tragfähig erweist.
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11. Das Modell als Verbindung von Erkenntnis, Orientierung und Praxis
Das Seiffert-Modell verbindet damit drei Ebenen:
Erkenntnis
Was können wir über die Wirklichkeit begründet erkennen?
Orientierung
Wie können wir diese Erkenntnis ethisch verantwortbar und lebenspraktisch sinnvoll einordnen?
Praxis
Was geschieht, wenn wir danach handeln?
Daraus ergibt sich eine verdichtete Formel:
ERKENNEN → ORIENTIEREN → HANDELN → LERNEN
Die Rückkopplung führt anschließend wieder zum Erkennen.
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12. Die philosophischen und methodischen Traditionen
Die unterschiedlichen geistigen Traditionen übernehmen innerhalb des Modells nicht notwendigerweise dieselbe Funktion.
So kann beispielsweise
die Stoa
dazu beitragen, zwischen dem eigenen Handlungsspielraum und dem Nicht-Kontrollierbaren zu unterscheiden.
Aufklärerisches Denken
kann helfen, Wahrnehmungen, Behauptungen und vermeintliche Gewissheiten kritisch zu prüfen.
Ethische Traditionen
können die Frage nach Verantwortung, Folgen und dem Verhältnis zu anderen Menschen stellen.
Retroduktion
kann von Beobachtungen zu möglichen Erklärungszusammenhängen führen.
Praktische Erprobung
kann diese vorläufigen Orientierungen mit der Wirklichkeit konfrontieren.
Damit werden unterschiedliche Traditionen nicht zu einem einheitlichen Weltbild verschmolzen.
Sie können innerhalb des Prozesses unterschiedliche Funktionen übernehmen.
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13. Die drei Bereiche des Projekts
Das Seiffert-Projekt umfasst unterschiedliche thematische und praktische Bereiche.
Sie können unterschiedliche Gegenstände, Zielsetzungen und Ausdrucksformen besitzen.
Gemeinsam ist ihnen jedoch die zugrunde liegende Erkenntnisbewegung.
Das Modell bildet damit ein methodisches Rückgrat, ohne die einzelnen Bereiche auf einen einzigen Inhalt zu reduzieren.
In allen Bereichen geht es darum,
unterschiedliche Erkenntnisse zusammenzuführen, Widersprüche sichtbar zu machen, tragfähige Zusammenhänge zu erkennen, daraus eine begründete Orientierung zu entwickeln und diese – soweit möglich – praktisch zu überprüfen.
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14. Öffentliche Vermittlung und Intervention
Das Modell beschränkt sich nicht auf einen inneren Denkprozess.
Erkenntnisse können verdichtet, veröffentlicht, diskutiert und – wenn daraus ein konkreter Handlungsbedarf entsteht – in praktische Interventionen überführt werden.
Auch die öffentliche Vermittlung kann dabei neue Erkenntnisse erzeugen.
Reaktionen, Gegenpositionen und Erfahrungen anderer Menschen können zu einer erneuten Prüfung der bisherigen Synthese führen.
Damit kann sich die Schleife erweitern:
Erkenntnis → Vermittlung → Reaktion → Intervention → neue Erfahrung → neue Erkenntnis
Die Öffentlichkeit ist damit nicht lediglich Empfänger eines abgeschlossenen Denkprozesses.
Sie kann selbst Teil der Rückkopplung werden.
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15. Dokumentation und langfristige Reflexion
Ein weiterer Bestandteil des Ansatzes ist die möglichst langfristige Dokumentation von Erkenntnissen, Erfahrungen, Veröffentlichungen und praktischen Ergebnissen.
Dokumentation besitzt dabei nicht nur eine archivische Funktion.
Sie ermöglicht, frühere Annahmen später erneut zu betrachten:
Was wurde damals angenommen?
Welche Erfahrungen folgten?
Was hat sich verändert?
Welche damaligen Einschätzungen waren tragfähig?
Was würde heute anders beurteilt?
Damit wird auch die eigene Entwicklung zu einem Gegenstand der Erkenntnis.
Es entsteht eine zusätzliche zeitliche Schleife:
Dokumentation → Rückblick → Vergleich → neue Erkenntnis → Weiterentwicklung
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16. Was das Modell leisten soll
Das Seiffert-Modell soll kein geschlossenes philosophisches Lehrgebäude errichten.
Es soll einen strukturierten Weg anbieten, komplexe Fragen möglichst
offen, kritisch, multiperspektivisch, ethisch reflektiert und praxisorientiert
zu bearbeiten.
Dabei wird ausdrücklich zwischen
Wissen, plausiblen Annahmen, persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen
unterschieden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Welche Philosophie hat endgültig recht?“
sondern:
„Welche Erkenntnisse helfen uns, die Wirklichkeit besser zu verstehen, welche Orientierung ist daraus verantwortbar und sinnvoll, und was lernen wir daraus, wenn wir danach handeln?“
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17. Abgrenzung, Eigenständigkeit und Grenzen
Das Seiffert-Modell beansprucht nicht, die einzelnen philosophischen oder methodischen Bausteine, aus denen es sich zusammensetzt, erfunden zu haben.
Viele dieser Elemente besitzen eigenständige Vorläufer in Philosophie, Wissenschaftstheorie, Ethik und Praxis.
Der Anspruch auf Eigenständigkeit liegt vielmehr in ihrer spezifischen funktionalen Verbindung innerhalb einer iterativen Erkenntnis- und Orientierungsschleife.
Insbesondere werden verbunden:
- multiperspektivische Erkenntnissuche,
- kritische Kuration,
- bewusste Konfrontation von Gegensätzen,
- Retroduktion,
- Synthese,
- ethische und lebenspraktische Orientierung,
- konkrete Erprobung,
- Wirkungskontrolle,
- Dokumentation
- und Rückkopplung.
Die Eigenständigkeit wird somit weniger aus einem einzelnen neuen Baustein als aus der Gesamtarchitektur und ihrer konsequenten Rückbindung an die Praxis abgeleitet.
Erfahrung ist nicht automatisch Erkenntnis
Persönliche Erfahrung kann eine Frage aufwerfen oder eine Hypothese anregen.
Sie ist jedoch nicht automatisch objektiv gesicherte Erkenntnis.
Deshalb werden Erfahrung, Beobachtung, Interpretation, Hypothese und begründete Synthese im Prozess möglichst unterschieden.
Retroduktion ist keine Gewissheit
Eine retroduktiv entwickelte Erklärung ist ein vorläufiges Erklärungsangebot.
Sie muss weiter geprüft werden und kann sich als falsch erweisen.
Die drei Siebe sind kein Wahrheitsautomat
„Wahrheit – Güte – Sinn“ liefern keine mathematische Entscheidung und keinen objektiven Endwert.
Sie machen drei unterschiedliche Dimensionen einer Orientierung sichtbar.
Praxis ist kein Beweis
Eine erfolgreiche praktische Anwendung beweist nicht automatisch die allgemeine Wahrheit einer Theorie.
Sie liefert jedoch neue Erfahrung und damit neues Material für die weitere Prüfung.
Schutz vor Bestätigungsfehlern
Das Modell versucht durch Gegenpositionen, alternative Hypothesen und praktische Rückkopplung die Gefahr einseitiger Bestätigung zu reduzieren.
Es kann diese Gefahr jedoch nicht vollständig ausschließen.
Grenzen
Das Modell kann nicht garantieren, dass
- alle relevanten Informationen gefunden werden,
- alle Perspektiven berücksichtigt werden,
- die beste Erklärung gefunden wird,
- ethische Konflikte eindeutig gelöst werden,
- oder eine praktische Handlung die erwartete Wirkung erzielt.
Bei spezialisierten wissenschaftlichen, medizinischen, technischen oder gesellschaftlichen Fragen kann es fachwissenschaftliche Verfahren deshalb nicht ersetzen.
Es kann vielmehr als übergeordnete Reflexions- und Strukturierungsmethode dienen.
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18. Wissenschaftliche Einordnung
Das Seiffert-Modell versteht sich als konzeptioneller und praxisorientierter Ansatz.
Die Beschreibung seiner Struktur begründet zunächst einen nachvollziehbaren Erkenntnis- und Handlungsprozess. Sie stellt jedoch keinen empirischen Nachweis seiner allgemeinen Wirksamkeit dar.
Die Frage,
in welchen Bereichen, unter welchen Bedingungen und gegenüber welchen bestehenden Verfahren das Modell einen zusätzlichen Nutzen bietet,
bedarf einer weiterführenden vergleichenden und anwendungsbezogenen Prüfung.
Damit wird zwischen drei Ebenen unterschieden:
Entwicklung des Modells
Begründung seiner methodischen Struktur
empirische Prüfung seines Nutzens
Diese Unterscheidung ist für die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung wesentlich.
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19. Weiterentwicklung des Modells
Das Seiffert-Modell ist selbst Teil des von ihm beschriebenen Erkenntnisprozesses.
Auch seine eigene Struktur kann deshalb Gegenstand von Prüfung und Weiterentwicklung sein.
Die Einführung des Orientierungschecks „Wahrheit – Güte – Sinn“ ist hierfür ein Beispiel.
Er wird nicht als nachträglich entdeckter Bestandteil der ursprünglichen Entstehungsgeschichte dargestellt, sondern als Weiterentwicklung und Präzisierung, die eine bisher implizite Frage ausdrücklich macht:
Was geschieht zwischen einer gewonnenen Erkenntnis und der daraus folgenden Handlung?
Die Antwort des weiterentwickelten Modells lautet:
Es braucht eine bewusste Prüfung der Erkenntnis, ihrer ethischen Richtung und ihrer lebenspraktischen Bedeutung.
Damit wird die Struktur
Erkenntnis → Orientierung → Handlung
explizit.
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20. Die Masterformel
Das gesamte Seiffert-Modell lässt sich damit in einer kompakten Form darstellen:
WIRKLICHKEIT
↓
BEOBACHTUNG & FRAGE
↓
VERSCHIEDENE ERKENNTNISQUELLEN
↓
KURATION & KRITISCHE PRÜFUNG
↓
GEGENSÄTZE & PERSPEKTIVEN
↓
RETRODUKTION
↓
SYNTHESE
↓
WAHRHEIT · GÜTE · SINN
↓
ORIENTIERUNG & HANDLUNG
↓
PRAXIS / INTERVENTION
↓
WIRKUNG & DOKUMENTATION
↓
NEUE ERFAHRUNG
↓
ÜBERPRÜFUNG & KORREKTUR
↺
Oder in ihrer kürzesten Form:
ERKENNEN → ORIENTIEREN → HANDELN → LERNEN
Die Schleife endet nicht mit einer endgültigen Antwort.
Sie beginnt mit der Wirklichkeit und kehrt immer wieder zu ihr zurück.
Die Theorie folgt der Praxis – und kehrt anschließend wieder in die Praxis zurück.
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