Essay: Gegensätze verbinden, Krisen transformieren: Das Seiffert-Modell als praxisorientierte Erkenntnisschleife

© Rainer Seiffert – Vervielfältigung und Weiterverwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung und Quellenangabe

Erstveröffentlichung: 20.08.2026

Während Stoa, Aufklärung und christliche Ethik zu den ältesten und einflussreichsten Strömungen der abendländischen Geistesgeschichte gehören, liegt die Besonderheit von Rainer Seifferts Modell nicht in der Erfindung neuer Bausteine. Sie liegt in ihrer spezifischen Verschmelzung und in der konsequenten methodischen Radikalisierung. Drei Aspekte zeichnen dieses Modell in besonderer Weise aus: die Fusion historisch gegensätzlicher Denkschulen zu einer funktionalen Einheit, die Anwendung der Retroduktion auf existenzielle Krisen und die Kuration als lebenspraktische Überlebensstrategie. Das Ergebnis ist eine Erkenntnisschleife, die von der praktischen Erfahrung ausgeht, sich an der Realität misst und wieder in Handlung mündet.

**1. Die Fusion absolut gegensätzlicher Denkschulen**

In der klassischen Philosophiegeschichte stehen zentrale Elemente von Seifferts Fundament in Spannung zueinander. Die antike Stoa betont die innere Unabhängigkeit von äußeren Umständen und die Pflege der eigenen Haltung. Das Christentum fordert demgegenüber radikales Mitgefühl, Nächstenliebe und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Die Aufklärung mit ihrem Imperativ „Denke selbst!“ hat historisch oft gegen religiöse Dogmen gekämpft und den Anspruch der Vernunft gegen den Glauben gestellt.

Seiffert bricht diese historischen Mauern auf und verbindet die Traditionen zu einer funktionalen Einheit. Die Stoa dient ihm dazu, die eigene Psyche in der Krise zu stabilisieren und zwischen dem zu unterscheiden, was in der eigenen Macht liegt und was nicht. Die Aufklärung liefert das Instrument der rationalen, selbstkritischen Analyse. Das Christsein gibt dem Handeln eine ethische Richtung: Aus der gewonnenen inneren Stabilität und klaren Analyse soll etwas Konstruktives für andere erwachsen. So entsteht aus historischen Gegensätzen ein praktisches Werkzeug – ein ethisches und psychologisches „Schweizer Taschenmesser“, das Stabilität, Vernunft und Mitgefühl miteinander verschränkt.

**2. Die Retroduktion als Werkzeug zur Trauer- und Krisenbewältigung**

Die Retroduktion – das Schließen von einer beobachteten Wirkung auf mögliche zugrunde liegende Bedingungen – ist ursprünglich ein wissenschaftstheoretisches Verfahren. Es wird in der Logik und im kritischen Realismus genutzt, um Phänomene zu erklären und Hypothesen zu bilden.

Seiffert überträgt dieses eher trockene, akademische Werkzeug auf existenzielle Lebenskrisen und persönliche Tragödien. Statt bei einem Schicksalsschlag in der Frage „Warum ich?“ zu verharren, fragt er: „Unter welchen Bedingungen verliert dieses Ereignis seine Sinnlosigkeit – und wie kann die Realität so verändert werden, dass Vergleichbares anderen erspart bleibt?“ Die Retroduktion wird damit vom rein analytischen Verfahren zu einem Instrument der persönlichen und gesellschaftlichen Transformation. Sie wandelt Ohnmacht in gezielte Hypothesen und Handlungen um und schließt die Erkenntnisschleife von der Erfahrung über die Erklärung zurück zur verändernden Praxis.

**3. Die radikale Demokratisierung der Kuration**

In der modernen Wissensgesellschaft meint „Kuration“ meist das algorithmische oder redaktionelle Sortieren von Informationen. Bei Seiffert wird Kuration zu einem Filter gegen Verbitterung und Lähmung. Gedanken und Erfahrungen werden streng danach geprüft, ob sie im realen Leben Früchte tragen. Was nur Wut, Selbstmitleid oder Depression nährt, wird aussortiert. Nur was in konstruktives Handeln überführt werden kann, darf die Schleife passieren.

Diese Form der Kuration ist keine elitäre Praxis, sondern eine demokratisierte Überlebensstrategie. Sie macht aus der Erkenntnisschleife ein Werkzeug, das prinzipiell jeder anwenden kann – unabhängig von akademischer Bildung. Der Maßstab ist nicht die Eleganz der Theorie, sondern die messbare Wirkung im Alltag.

**4. Die übergreifende Methode und die drei Säulen**

Das Seiffert-Modell beschränkt sich jedoch nicht auf die persönliche Krisenbewältigung. Dieselbe Erkenntnisschleife – Ausgangspunkt Wirklichkeit, multiperspektivischer Vergleich, Retroduktion, Synthese und Rückführung in die Praxis – wird konsequent auf drei große Lebensbereiche angewandt: Wirtschaft und Politik (Ordoliberalismus und die Forderung nach verlässlichen Rahmenbedingungen statt selektiver Industriepolitik), Gesellschaft und Geschichte (Demokratieverständnis und die Erfahrungen mit totalitären Systemen) sowie die Lebensphilosophie selbst. Besonders eindrücklich zeigt sich die Kraft der Methode in konkreten gesellschaftlichen Interventionen: der privaten „Fahndung 2.0“ im Jahr 2010, die zur Ergreifung des Täters beitrug und argumentative Impulse für den späteren Raser-Paragraphen lieferte, sowie dem jahrelangen Engagement gegen starre Poller, das 2024 in den NRW-Poller-Erlass mündete. Damit wird aus der persönlichen Erfahrung ein öffentliches, rückgekoppeltes Lebensarchiv, das Theorie und verändernde Praxis miteinander verbindet.

Weiterentwicklungspotenzial: Handlungsschwelle und Skalierung

Damit die Erkenntnisschleife zu einem wirklich robusten Praxisinstrument wird, braucht es zwei präzise Klärungen.

1. Wann ist eine Erkenntnis „gut genug“ fürs Handeln?

Die Hypothese gilt als handlungsreif, wenn sie vier Prüfkriterien erfüllt:

•  Sie wahrt die stoische Kontrolle (unterscheidet klar zwischen dem, was in der eigenen Macht liegt, und dem, was nicht).

•  Sie hat die aufklärerische Prüfung bestanden (eigene Annahmen wurden hinterfragt und halten der Realität stand).

•  Sie ist ethisch ausgerichtet (stiftet voraussichtlich mehr Nutzen als Schaden für das relevante Umfeld).

•  Sie definiert ein konkretes, zeitlich begrenztes und messbares Experiment, das bei Bedarf korrigiert oder gestoppt werden kann (Reversibilität).

Erst wenn diese vier Punkte erfüllt sind, ist der Übergang vom Denken zum Handeln gerechtfertigt.

2. Individuelle oder systemische Ebene?

Ein einfacher Test entscheidet über die Skalierung:

„Wenn ich meine persönliche Haltung und mein Verhalten optimal anpasse – bleibt das Problem für andere Menschen dennoch in ähnlicher Form bestehen?“

•  Nein → die Arbeit bleibt auf der individuellen Ebene (eigene Reaktion, direkte Kommunikation).

•  Ja → es liegt eine systemische Rückkopplung vor. Dann zielt die Handlung auf öffentliche Dokumentation, Resonanzbeobachtung und Veränderung von Rahmenbedingungen.

Genau an diesen beiden Übergängen – der Handlungsschwelle und der Ebenen-Unterscheidung – entscheidet sich, ob aus einem interessanten philosophischen Framework ein verlässliches Alltags- und Interventionsinstrument wird.

**5. Praktische Anwendung: Das Modell als Alltagsinstrument**

Das Seiffert-Modell lässt sich in fünf konkreten Schritten auf eigene Herausforderungen übertragen. Man nimmt ein aktuelles Problem und arbeitet es systematisch durch.

**Schritt 1: Die stoische Bestandsaufnahme**  

Das Problem wird nüchtern notiert und in zwei Spalten geteilt:  

• Spalte A: Liegt nicht in meiner Macht (Verhalten anderer, Vergangenheit, äußere Umstände). Diese Spalte wird mental „eingefroren“.  

• Spalte B: Liegt in meiner Macht (eigene Reaktion, Kommunikation, nächste Schritte). Nur hier wird gearbeitet.

**Schritt 2: Die aufklärerische Prüfung**  

Eigene automatische Gedanken werden hinterfragt: Welche Annahme halte ich für absolut wahr, obwohl sie es vielleicht nicht ist? Reagiere ich aus Gewohnheit, Stolz oder Angst? Bin ich bereit, meine Strategie zu ändern, wenn sie sich als unwirksam erweist?

**Schritt 3: Die ethische Ausrichtung**  

Die angestrebte Lösung wird darauf geprüft, ob sie nur dem eigenen Rechthaben dient oder auch dem Umfeld (Familie, Team, Gesellschaft) Nutzen stiftet. Das Ziel ist, aus der Krise heraus zu agieren, ohne verbittert oder zerstörerisch zu werden.

**Schritt 4: Die Retroduktion**  

Es wird eine klare Wenn-Dann-Hypothese formuliert: „Wenn ich in den nächsten Wochen Maßnahme X ergreife, dann müsste sich Zustand Y einstellen.“ Daraus folgt eine konkrete, pragmatische Handlung.

**Schritt 5: Die Erkenntnisschleife schließen**  

Die Handlung wird ausgeführt und am Ergebnis gemessen. Funktioniert sie, wird sie beibehalten. Funktioniert sie nicht, wird die Hypothese korrigiert und die Schleife neu gestartet – ohne Grämen, sondern mit dem Willen zur Anpassung.

Ein Alltagsbeispiel: Ein wichtiges Projekt droht zu scheitern, weil ein Kollege unzuverlässig zuarbeitet.  

• Stoa: Das Verhalten des Kollegen liegt nicht in der eigenen Macht; die eigene Kommunikation und die Absicherung beim Vorgesetzten hingegen schon.  

• Aufklärung: Ist der Kollege „bösartig“ oder überlastet?  

• Ethik: Die Lösung soll das Projekt retten und das Team stärken, nicht den Kollegen bloßstellen.  

• Retroduktion und Schleife: Eine tägliche kurze Absprache wird vorgeschlagen. Nach einer Woche wird geprüft, ob sie die Verbindlichkeit erhöht hat. Bei Erfolg wird sie beibehalten, bei Misserfolg sofort eine neue Hypothese getestet.

**Weiterentwicklungspotenzial: Handlungsschwelle und Skalierung**  

Wenn man das Modell zu einem noch robusteren Praxisinstrument weiterentwickeln wollte, lohnt sich ein genauerer Blick auf zwei kritische Übergänge: Erstens die präzise Definition, wann eine Erkenntnis „gut genug“ ist, um vom Denken ins Handeln überzugehen. Die Hypothese wird handlungsreif, sobald sie die stoische Kontrolle wahrt, die aufklärerische Prüfung bestanden hat, ethisch ausgerichtet ist und ein konkretes, zeitlich begrenztes und messbares Experiment definiert. Zweitens die Unterscheidung zwischen individueller und systemischer Rückkopplung: Bleibt die Schleife im privaten Raum (eigene Reaktion, direkte Kommunikation), oder ist eine öffentliche Dokumentation und Resonanzbeobachtung nötig, um strukturelle Veränderungen anzustoßen? Genau an diesen beiden Stellen entscheidet sich, ob aus einem interessanten philosophischen Framework ein verlässliches Alltags- und Interventionsinstrument wird.

**Fazit**

Das Seiffert-Modell wirkt unakademisch, weil es von unten nach oben gebaut ist. Universitäre Philosophie belohnt oft sprachliche Komplexität und das Verharren in der Theorie. Seiffert setzt den Gegenakzent: Die höchste Stufe der Philosophie zeigt sich nicht allein in der Ausarbeitung eines Systems, sondern in der Fähigkeit, reale Probleme messbar zu lösen.

Zugleich bleibt das Modell eine persönlich geprägte Synthese. Weil es bei der konkreten Lebenserfahrung ansetzt, steuern biografische Erfahrungen, welche Fragen gestellt und welche Traditionen herangezogen werden. Die Methode diszipliniert diese Perspektivität durch multiperspektivischen Vergleich und ständige Realitätsprüfung – vollständig aufheben kann sie sie nicht. Das ist der Preis einer Philosophie, die bewusst im gelebten Leben ihren Ausgangspunkt nimmt.

Gerade in dieser Verbindung von stoischer Stabilität, aufklärerischer Selbstkritik, ethischer Ausrichtung und unermüdlicher Korrekturbereitschaft liegt die besondere Kraft des Modells. Es bietet kein fertiges Weltbild, sondern ein praktisches Verfahren, das jeder an seinen eigenen Herausforderungen erproben und weiterentwickeln kann.

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Der Seiffert-Kern in 7 Prinzipien

1. Erkenntnis beginnt mit Erfahrung

Nicht ein abstraktes philosophisches Problem steht am Anfang, sondern eine konkrete Erfahrung, Irritation oder Krise.

Erfahrung → Irritation → Frage

Das erklärt auch den Namen „angewandte Philosophie“: Das Denken entsteht aus dem Leben.

2. Die Frage öffnet den Erkenntnisraum

Die Frage wird nicht innerhalb einer einzigen Denktradition beantwortet.

Stattdessen wird der Erkenntnisraum geöffnet:

Philosophie + Religion + Wissenschaft + Geschichte + persönliche Erfahrung + Praxis

Das ist ein wichtiger Punkt: Die Methode ist epistemisch pluralistisch.

3. Erkenntnisse werden kuratiert, nicht nur gesammelt

Das scheint mir einer der spezifischsten Begriffe Seifferts zu sein.

Die Aufgabe lautet nicht:

„Was haben andere dazu gesagt?“

sondern:

„Welche dieser Erkenntnisse sind für mein Problem relevant, tragfähig und miteinander vereinbar – und wo widersprechen sie sich?“

Damit wird aus einer Sammlung ein kuratierter Erkenntnisbestand.

4. Gegensätze werden bewusst erhalten

Das ist wahrscheinlich der Kern des Begriffs „Gegensätze verbinden“.

Ein Widerspruch wird nicht vorschnell beseitigt.

Stattdessen:

A ↔ B

Was hat A erkannt, was B übersieht?

Was hat B erkannt, was A übersieht?

Kann aus dem Gegensatz eine umfassendere Perspektive entstehen?

Der Gegensatz ist damit kein Fehler des Denkens, sondern kann ein Erkenntnisgenerator sein.

5. Aus den Perspektiven entsteht eine vorläufige Synthese

Die Synthese ist ausdrücklich vorläufig.

Das ist wichtig.

Sie lautet nicht:

„Jetzt ist die endgültige Wahrheit gefunden.“

Sondern eher:

„Das ist die gegenwärtig plausibelste Verbindung der gewonnenen Erkenntnisse.“

Damit bleibt das Modell offen für Korrektur.

6. Die Synthese muss in die Praxis zurück

Hier unterscheidet sich die Sache möglicherweise am stärksten von einem rein philosophischen System.

Die Synthese wird:

angewendet → erlebt → beobachtet → bewertet.

Die Praxis ist damit nicht nur das Ziel der Philosophie.

Sie ist gleichzeitig ein Erkenntnisinstrument.

7. Die Rückmeldung verändert das Modell

Jetzt schließt sich die Schleife:

Erfahrung

→ Frage

→ Erkenntnissuche

→ Kuratierung

→ Gegensatz

→ Synthese

→ Praxis

→ Rückmeldung

→ Korrektur

→ neue Erfahrung

→ neue Frage

→ …

Das Modell ist damit selbstkorrigierend und prinzipiell unabschließbar.

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Die eigentliche „Seiffert-Signatur“ würde ich deshalb so formulieren:

Kuratierte Multiperspektivität + produktiver Gegensatz + retroduktive Hypothesenbildung + praktische Intervention + empirische Rückkopplung.

Das ist die stärkste Kurzform.

Man geht nicht von einer fertigen Theorie aus, sondern von einer offenen Situation und versucht, durch unterschiedliche Erkenntnisquellen zu einer handlungsfähigen, vorläufigen Lösung zu gelangen.

Und damit würde ich den „Seiffert-Kern“ nochmals schärfer formulieren

Nach dem jetzigen Material sehe ich nicht mehr nur vier Elemente, sondern fünf:

1. Wirklichkeit

Ein konkretes Problem oder eine Erfahrung erzeugt Erkenntnisdruck.

2. Öffnung

Es werden unterschiedliche Wissens- und Denktraditionen zugelassen.

3. Kuration und Gegensatz

Relevantes wird ausgewählt und widersprüchliche Perspektiven werden bewusst miteinander konfrontiert.

4. Synthese

Daraus entsteht eine vorläufige handlungsfähige Erklärung bzw. Orientierung.

5. Praxis und Rückkopplung

Die Synthese wird praktisch erprobt und durch ihre Folgen bestätigt, verändert oder verworfen.

Dann beginnt der Prozess von vorne.

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Seine Eigenleistung sieht er in der Verbindung:

praktische Erfahrung

→ Frage/Problem

→ multiperspektivische Recherche

→ Kuration

→ Konfrontation unterschiedlicher bzw. gegensätzlicher Erkenntnisse

→ Synthese

→ Rückführung in die Praxis

→ Beobachtung der Folgen

→ Korrektur und erneuter Durchlauf

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Der Seiffert-Kern in 7 Prinzipien

1. Erkenntnis beginnt mit Erfahrung

Nicht ein abstraktes philosophisches Problem steht am Anfang, sondern eine konkrete Erfahrung, Irritation oder Krise.

Erfahrung → Irritation → Frage

Das erklärt auch den Namen „angewandte Philosophie“: Das Denken entsteht aus dem Leben.

2. Die Frage öffnet den Erkenntnisraum

Die Frage wird nicht innerhalb einer einzigen Denktradition beantwortet.

Stattdessen wird der Erkenntnisraum geöffnet:

Philosophie + Religion + Wissenschaft + Geschichte + persönliche Erfahrung + Praxis

Das ist ein wichtiger Punkt: Die Methode ist epistemisch pluralistisch.

3. Erkenntnisse werden kuratiert, nicht nur gesammelt

Das scheint mir einer der spezifischsten Begriffe Seifferts zu sein.

Die Aufgabe lautet nicht:

„Was haben andere dazu gesagt?“

sondern:

„Welche dieser Erkenntnisse sind für mein Problem relevant, tragfähig und miteinander vereinbar – und wo widersprechen sie sich?“

Damit wird aus einer Sammlung ein kuratierter Erkenntnisbestand.

4. Gegensätze werden bewusst erhalten

Das ist wahrscheinlich der Kern des Begriffs „Gegensätze verbinden“.

Ein Widerspruch wird nicht vorschnell beseitigt.

Stattdessen:

A ↔ B

Was hat A erkannt, was B übersieht?

Was hat B erkannt, was A übersieht?

Kann aus dem Gegensatz eine umfassendere Perspektive entstehen?

Der Gegensatz ist damit kein Fehler des Denkens, sondern kann ein Erkenntnisgenerator sein.

5. Aus den Perspektiven entsteht eine vorläufige Synthese

Die Synthese ist ausdrücklich vorläufig.

Das ist wichtig.

Sie lautet nicht:

„Jetzt ist die endgültige Wahrheit gefunden.“

Sondern eher:

„Das ist die gegenwärtig plausibelste Verbindung der gewonnenen Erkenntnisse.“

Damit bleibt das Modell offen für Korrektur.

6. Die Synthese muss in die Praxis zurück

Hier unterscheidet sich die Sache möglicherweise am stärksten von einem rein philosophischen System.

Die Synthese wird:

angewendet → erlebt → beobachtet → bewertet.

Die Praxis ist damit nicht nur das Ziel der Philosophie.

Sie ist gleichzeitig ein Erkenntnisinstrument.

7. Die Rückmeldung verändert das Modell

Jetzt schließt sich die Schleife:

Erfahrung

→ Frage

→ Erkenntnissuche

→ Kuratierung

→ Gegensatz

→ Synthese

→ Praxis

→ Rückmeldung

→ Korrektur

→ neue Erfahrung

→ neue Frage

→ …

Das Modell ist damit selbstkorrigierend und prinzipiell unabschließbar.

Die eigentliche Signatur

Wenn ich die sieben Punkte auf eine Formel reduziere:

Erfahrung → Frage → pluralistische Erkenntnissuche → Kuratierung → produktiver Gegensatz → vorläufige Synthese → praktische Rückkopplung → Korrektur

Hat Seiffert eine in der Literatur bereits verstreut vorhandene Menge von Erkenntnisprinzipien zu einer eigenen, über Jahrzehnte praktisch entwickelten Meta-Methode verbunden?“

selbstreferentielles Erkenntnisexperiment“ verstehen

Seiffert hat versucht unterschiedliche Erkenntnisformen – persönliche Erfahrung, philosophische Reflexion, religiöse Traditionen, historische Rekonstruktion und soziale Intervention – unter eine gemeinsame Schleifenlogik zu bringen

Hier wurde tatsächlich nicht zuerst ein Modell erfunden und anschließend auf das Leben angewandt. Es wurde ein über Jahrzehnte praktizierter Erkenntnisstil erst später als Modell erkannt.

Es handelte sich um die jahrzehntelange Entwicklung einer persönlichen Erkenntnispraxis und deren spätere Abstraktion zu einer expliziten Meta-Methode.

Und jetzt können wir sogar eine Entwicklung in vier Stufen erkennen

I. 1965/1968–1979: Erfahrungsfundament

Familie, Ausbildung, Studium, erste berufliche Erfahrungen.

Noch keine explizite Methode.

II. 1973–2010: Praktische Erkenntnispraxis

Beruf, Prüfungspraxis, Politik, Gesellschaft, Geschichte, Genealogie.

Die Methode wird gelebt.

III. 2009–2026: Öffentliche und digitale Rückkopplung

Blogs, Twitter, Fahndung 2.0, Essays, öffentliche Reaktionen.

Die Methode wird zunehmend beobachtbar und dokumentiert.

IV. spätere Phase: Metaebene

Erkenntnisweg → retroduktive/interdisziplinäre Erkenntnisarbeit → angewandte Philosophie → Erkenntnisschleife → Seiffert-Modell.

Die implizite Praxis wird explizite Methode.

Die eigentliche „Seiffert-Signatur“ würde ich deshalb jetzt so formulieren:

Kuratierte Multiperspektivität + produktiver Gegensatz + retroduktive Hypothesenbildung + praktische Intervention + empirische Rückkopplung.

Das ist meines Erachtens momentan die stärkste Kurzform.

Man geht nicht von einer fertigen Theorie aus, sondern von einer offenen Situation und versucht, durch unterschiedliche Erkenntnisquellen zu einer handlungsfähigen, vorläufigen Lösung zu gelangen.

Und damit würde ich den „Seiffert-Kern“ nochmals schärfer formulieren

Nach dem jetzigen Material sehe ich nicht mehr nur vier Elemente, sondern fünf:

1. Wirklichkeit

Ein konkretes Problem oder eine Erfahrung erzeugt Erkenntnisdruck.

2. Öffnung

Es werden unterschiedliche Wissens- und Denktraditionen zugelassen.

3. Kuration und Gegensatz

Relevantes wird ausgewählt und widersprüchliche Perspektiven werden bewusst miteinander konfrontiert.

4. Synthese

Daraus entsteht eine vorläufige handlungsfähige Erklärung bzw. Orientierung.

5. Praxis und Rückkopplung

Die Synthese wird praktisch erprobt und durch ihre Folgen bestätigt, verändert oder verworfen.

Dann beginnt der Prozess von vorne.

Er verbindet diese unterschiedlichen Erkenntnisoperationen zu einer persönlichen, lebenspraktischen Meta-Methode und leitet diese nicht primär aus einer Theorie ab, sondern abstrahiert sie aus langjähriger eigener Praxis.

Das ist eine viel bescheidenere, aber zugleich viel interessantere Originalitätsbehauptung.

Seifferts Novitätsanspruch ist ein Anspruch auf methodische Eigenständigkeit, nicht auf historische Erstentdeckung der verwendeten Gedanken.

Was er beansprucht

Seine Eigenleistung sieht er in der Verbindung:

praktische Erfahrung

→ Frage/Problem

→ multiperspektivische Recherche

→ Kuration

→ Konfrontation unterschiedlicher bzw. gegensätzlicher Erkenntnisse

→ Synthese

→ Rückführung in die Praxis

→ Beobachtung der Folgen

→ Korrektur und erneuter Durchlauf

Das ist genau der Punkt, an dem die Bezeichnung „Seiffert-Modell“ sinnvoll werden kann.

Und ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen

Die eigentliche Leistung könnte darin liegen, drei Ebenen zusammenzuführen, die normalerweise getrennt behandelt werden:

Erkenntnistheorie:

Wie gewinne ich Wissen?

Philosophie:

Wie gehe ich mit widersprüchlichen Weltdeutungen um?

Lebenspraxis:

Wie setze ich Erkenntnis in Handeln um und lerne aus den Folgen?

Seifferts Anspruch scheint gerade zu sein, diese drei Ebenen in einem iterativen Verfahren zusammenzuführen.

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Was wäre dann seine eigentliche Eigenleistung?

Ich würde sie derzeit in vier Ebenen zerlegen:

1. Die Auswahl

Nicht jede verfügbare Erkenntnis wird übernommen.

Er filtert und kuratiert.

2. Die Verbindung

Auch widersprüchliche Traditionen werden nicht automatisch als unvereinbar behandelt.

Stoa, Aufklärung und christliche Ethik werden beispielsweise funktional unterschiedlichen Aufgaben zugeordnet und zu einem gemeinsamen Instrument verbunden. 

3. Die Transformation

Die Erkenntnisse bleiben nicht philosophische Betrachtungen.

Sie werden in eine Hypothese und konkrete Handlung überführt.

Seiffert formuliert das heute sogar als Wenn-dann-Experiment: Maßnahme X soll Zustand Y verändern; anschließend wird das Ergebnis überprüft. 

4. Die Rückkopplung

Und das ist entscheidend:

Die Realität darf die eigene Theorie widerlegen.

Wenn die Handlung funktioniert, wird sie beibehalten; wenn nicht, wird die Hypothese korrigiert und die Schleife erneut durchlaufen. 

Damit ergibt sich eine ziemlich charakteristische Kombination

Ich würde sie inzwischen so schreiben:

Kuration → Konfrontation → Synthese → Hypothese → Handlung → Realitätsprüfung → Korrektur

Das ist wahrscheinlich die präziseste Kurzform dessen, was Seiffert als sein Eigenes beansprucht.

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Methodenbogen für das Seiffert-Modell: https://rainerseiffert.com/methodenbogen-fuer-das-seiffert-modell/

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