Essay: Twitter- Chance und Herausforderung einer neuen Kommunikationskultur

Essay vom 17.07.2009 mit Ergänzungen bis 2016

Twitter – Chance und Herausforderung einer neuen Kommunikationskultur

Nichts bleibt, wie es ist – weder unser Kommunikationssystem noch unsere Medienlandschaft. Die technische Entwicklung schreitet immer schneller voran, und der Wandel zur digitalen Gesellschaft stellt einen enormen Entwicklungssprung dar. Immer mehr Menschen, vor allem jüngere, wenden sich von den klassischen Medien ab. Statt Zeitungen, Radio oder Fernsehen nutzen sie soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook, um sich zu informieren und auszutauschen.

Dieser freie Informationsfluss begünstigt weltweit die Entwicklung hin zu mündigeren Bürgern. Menschen können sich heute ungehinderter über politische Vorgänge und gesellschaftliche Zusammenhänge informieren. Die neuen Möglichkeiten tragen nicht nur zur Verbesserung der Bildung bei, sondern können auch zur Selbsterkenntnis führen. Doch bereits jetzt zeigt sich, dass die neue Freiheit keineswegs nur aufklärerisch wirkt.

Twitter hat sich in den vergangenen Jahren zu einer rasant wachsenden Plattform mit inzwischen rund 800 Millionen Nutzern entwickelt. Auf maximal 140 Zeichen lassen sich kurze Botschaften an eine große Zahl von Abonnenten – Follower genannt – übermitteln. Gerade deshalb ist das Netzwerk für Politik, Wirtschaft und auch für Privatpersonen von erheblicher Bedeutung geworden.

Es wird gesagt, dass Barack Obama seine Wahlkämpfe maßgeblich mit Twitter unterstützt hat. Der neue amerikanische Präsident Donald Trump nutzt die Plattform inzwischen als eines seiner wichtigsten Informations- und Kommunikationsmedien und greift seltener auf die herkömmlichen Medien zurück. Auch in Deutschland ist der Wandel spürbar: Noch vor wenigen Jahren wurden „Twitterer“ belächelt. Heute twittern der Regierungssprecher Steffen Seibert und zahlreiche Ministerien.

Gemäß vorliegenden Statistiken sind etwa 14 Prozent der Deutschen über 50 Jahren, 24 Prozent der über 30-Jährigen und bereits 70 Prozent der unter 30-Jährigen in sozialen Netzwerken angemeldet. Besonders die jüngere Generation bezieht ihre Informationen zunehmend direkt aus diesen Plattformen. In den USA und Großbritannien gibt es Nutzer mit mehreren Millionen Followern. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich auch in Deutschland ab.

Die freie Vernetzung ermöglicht auf vielen Ebenen ein Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage. Gleichzeitig treten jedoch Dynamiken zutage, die den optimistischen Erwartungen an eine aufgeklärtere Öffentlichkeit entgegenstehen. Die Aufmerksamkeit der Nutzer ist zur knappen Währung geworden. Beiträge, die starke Emotionen auslösen – insbesondere Empörung, Angst oder moralische Entrüstung – verbreiten sich erfahrungsgemäß weitaus schneller als abwägende, differenzierte Stellungnahmen. Die Virality von Empörung belohnt Zuspitzung und bestraft Nuancen. Was als demokratische Direktheit erscheint, kann so zur Verflachung und Erhitzung der öffentlichen Debatte beitragen.

Hinzu kommt die Wirkung der Algorithmen, die bereits jetzt spürbar ist, auch wenn ihre langfristigen Folgen noch nicht vollständig abzusehen sind. Die Plattformen zeigen den Nutzern bevorzugt Inhalte, die deren bisherigen Interessen und Meinungen entsprechen. So entstehen Filterblasen und Echokammern: Man begegnet vor allem Gleichgesinnten, während widersprechende Positionen seltener oder gar nicht mehr sichtbar werden. Die Folge ist eine schleichende Polarisierung. Komplexe gesellschaftliche Fragen werden in einfache Freund-Feind-Schemata überführt. Die öffentliche Debattenkultur verändert sich – weg von der mühsamen Suche nach gemeinsamen Lösungen, hin zu einer Kultur der gegenseitigen Bestätigung und der symbolischen Grenzziehungen.

Jeder Nutzer sollte daher sorgfältig prüfen, welche privaten Informationen er preisgibt. Wer Nachrichten senden will, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, sollte den öffentlichen Status seines Kontos einschränken. Auch erscheint es wenig sinnvoll, Belanglosigkeiten zu verbreiten. Wer die Plattform ernsthaft nutzen möchte, sollte sich bemühen, interessante und gehaltvolle Meldungen zu posten. Doch selbst gut gemeinte Beiträge geraten in den Sog der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Logik der Plattform begünstigt nicht primär Wahrheit oder Verantwortung, sondern Reichweite und emotionale Resonanz.

Ein zentrales Merkmal von Twitter als sozialem Netzwerk ist das gegenseitige Folgen. Wer eine größere Leserschaft aufbauen will, tut gut daran, seinen Followern zurückzufolgen. Nur so entsteht ein echter Austausch. Viele institutionelle Accounts – Prominente, Behörden, Kommunen oder Zeitungen – scheuen diesen Schritt noch. Dabei ist bei mehreren Tausend Followern kaum zu erwarten, dass alle gleichermaßen „geprüft“ sind. In den USA folgen selbst Persönlichkeiten wie Barack Obama und Arnold Schwarzenegger bereits seit Jahren Zehntausenden von Nutzern. Dennoch bleibt die Frage offen, ob das Zurückfolgen allein ausreicht, um der Fragmentierung der Öffentlichkeit entgegenzuwirken.

Twitter bietet handfeste Chancen für Betriebe und Selbständige. Über regelmäßige, informative Beiträge lassen sich Besucher für die eigene Homepage oder den Blog gewinnen. Man kann sich als Experte positionieren – solange man die Leser nicht mit Werbung überhäuft. Die Twitter-Regeln verbieten Spam ausdrücklich. Auch hier gilt jedoch: Sichtbarkeit folgt der Aufmerksamkeitslogik. Seriöse Information konkurriert mit lautstarken, vereinfachenden Botschaften.

Die völkerverständigende Kraft von Twitter sollte nicht unterschätzt werden. Praktisch jedem ist es heute möglich, sich mit Menschen aus allen Nationen zu verbinden. Immer mehr Menschen können unzensiert Nachrichten beziehen und selbst verbreiten. Diese Möglichkeiten können dazu beitragen, dem alten Traum einer Brüderschaft der Nationen näherzukommen. Durch erhöhte Transparenz können Gesellschaften an Humanität und Toleranz gewinnen. Doch dieselbe Technik, die Verständigung ermöglicht, kann ebenso gut Abschottung und gegenseitige Radikalisierung fördern. Die Hoffnung auf ein toleranteres und aufgeklärteres Zeitalter ist berechtigt – sie ist aber keineswegs selbstverständlich. Sie hängt davon ab, ob die Nutzer und die Plattformbetreiber den absehbaren Gefahren der Fragmentierung und der Empörungskultur aktiv entgegensteuern.

Ein persönliches Beispiel mag die Ambivalenz der Plattform verdeutlichen: Seit März 2009 nutze ich Twitter, zunächst um über mein Leben und meine Arbeit zu berichten, später vor allem, um aufbauende und inspirierende Zitate zu verbreiten. Die Motivation war und ist, den vielen negativen Nachrichten etwas Positives entgegenzusetzen. Inzwischen sind es über 20.000 Beiträge. Im Jahr 2010 gelang es mir gemeinsam mit damals rund 380.000 Followern, nach dem Unfallfahrer zu fahnden, der meinen Sohn angefahren und sterbend liegen gelassen hatte. Die Aktion erbrachte eine bis dahin beispiellose Zahl an Hinweisen. Der Täter wurde gefasst. Es war die erste größere Twitter-Fahndung in Deutschland und zeigte eindrucksvoll das Potenzial des Mediums. Zugleich macht gerade diese Erfahrung bewusst, wie mächtig – und wie leicht lenkbar – die Dynamik von Aufmerksamkeit und emotionaler Mobilisierung ist.

Twitter ist mehr als ein Kurznachrichtendienst. Es ist ein Werkzeug, das Teilhabe und direkte Kommunikation in einem zuvor nicht gekannten Maße ermöglicht. Die Chancen sind groß. Doch die Plattform-Dynamiken – Aufmerksamkeit als Währung, die Virality von Empörung, die Bildung von Filterblasen und die daraus folgende Polarisierung – sind bereits jetzt erkennbar und werden die öffentliche Debattenkultur voraussichtlich nachhaltig verändern. Ob aus dem technischen Fortschritt ein gesellschaftlicher Fortschritt wird, hängt nicht allein von der Technik ab, sondern davon, ob wir bereit sind, ihre Schattenseiten klar zu benennen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

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