Methodik des Projekts

Wie aus unterschiedlichen Erkenntnissen eine anwendbare Synthese entsteht

Die drei Bereiche dieses Projekts beschäftigen sich mit unterschiedlichen Fragen und können weitgehend unabhängig voneinander betrachtet werden. Was sie miteinander verbindet, ist jedoch eine gemeinsame Vorgehensweise.

Diese Vorgehensweise lässt sich vereinfacht als ein fortlaufender Prozess von Beobachtung, Erkenntnis, Vergleich, Synthese und praktischer Erprobung beschreiben.

Es geht dabei nicht darum, aus verschiedenen Philosophien, Religionen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen diejenigen Aussagen auszuwählen, die einem persönlich gefallen. Eine solche Zusammenstellung wäre noch keine Synthese.

Vielmehr werden unterschiedliche Denkansätze zunächst möglichst unabhängig voneinander betrachtet, auf ihren jeweiligen Erkenntnisgehalt untersucht und anschließend miteinander in Beziehung gesetzt. Dabei interessiert mich insbesondere die Frage:

Was bleibt übrig, wenn unterschiedliche Wege des Denkens an derselben Wirklichkeit gemessen werden?

1. Ausgangspunkt ist die Wirklichkeit

Am Anfang steht nicht eine fertige Theorie, die anschließend auf die Wirklichkeit angewendet werden soll.

Ausgangspunkt sind vielmehr konkrete Erfahrungen, Beobachtungen und Fragen des Lebens.

Warum handeln Menschen so, wie sie handeln?

Was führt zu einem gelingenden Leben?

Warum entstehen bestimmte Probleme immer wieder?

Welche Vorstellungen erweisen sich in der Praxis als hilfreich – und welche nicht?

Solche Fragen führen zu unterschiedlichen Erkenntnisquellen: zur Philosophie, zu Religionen und Weisheitstraditionen, zu Wissenschaft und Psychologie, aber ebenso zur eigenen Erfahrung und zur Beobachtung des menschlichen Lebens.

Keine dieser Quellen wird dabei von vornherein als alleinige Wahrheit betrachtet.

2. Unterschiedliche Perspektiven werden miteinander verglichen

Die verschiedenen Quellen werden zunächst in ihrem eigenen Zusammenhang verstanden.

Dabei geht es nicht darum, beispielsweise christliche, buddhistische, hinduistische, griechisch-philosophische oder humanistische Gedanken vorschnell miteinander zu vermischen.

Im Gegenteil: Ihre Unterschiede sind zunächst genauso wichtig wie ihre Gemeinsamkeiten.

Erst durch den Vergleich wird sichtbar,

● welche Aussagen sich gegenseitig widersprechen,

● welche sich ergänzen,

● welche unterschiedliche Aspekte desselben Problems beschreiben,

● und welche grundlegenden Einsichten unabhängig von ihrer jeweiligen Herkunft immer wieder auftauchen.

Gerade diese wiederkehrenden Strukturen sind besonders interessant.

3. Von der Sammlung zur Synthese

Eine Synthese ist mehr als eine Zusammenstellung.

Die einzelnen Erkenntnisse werden deshalb nicht einfach addiert. Sie werden aufeinander bezogen und daraufhin untersucht, ob sich aus ihnen ein schlüssigeres Gesamtbild ergibt.

Dabei kann auch ein Gedanke aus einer bestimmten Tradition übernommen werden, ohne dass damit gleichzeitig deren gesamtes Weltbild übernommen werden muss.

Entscheidend ist nicht die Herkunft eines Gedankens, sondern seine innere Plausibilität, seine Vereinbarkeit mit anderen Erkenntnissen und seine praktische Tragfähigkeit.

So entsteht schrittweise eine eigenständige Perspektive.

Diese Perspektive ist weder eine neue Religion noch der Versuch, aus bestehenden Philosophien einen beliebigen „Mix“ herzustellen.

Sie ist vielmehr der Versuch, aus unterschiedlichen Erkenntnisquellen diejenigen Einsichten herauszuarbeiten, die sich zu einem tragfähigen Gesamtverständnis verbinden lassen.

4. Die Rolle der Retroduktion

Eine besondere Bedeutung hat dabei die Retroduktion.

Sie geht von einer beobachteten Wirklichkeit aus und fragt:

Welche Annahmen oder Zusammenhänge könnten diese Wirklichkeit am besten erklären?

Damit unterscheidet sie sich sowohl von einem rein deduktiven Vorgehen als auch von einer bloßen Sammlung von Beobachtungen.

Eine Beobachtung wird zum Anlass genommen, nach den dahinterliegenden Zusammenhängen zu suchen.

Wenn sich beispielsweise ein bestimmtes menschliches Verhalten immer wieder beobachten lässt, stellt sich die Frage, welche grundlegenden Bedürfnisse, Motive oder Bedingungen dieses Verhalten erklären könnten.

Eine solche Erklärung bleibt jedoch zunächst eine Hypothese.

Sie muss sich anschließend an weiteren Beobachtungen und an der Praxis bewähren.

5. Von der Theorie zurück zur Praxis

Der entscheidende Schritt besteht deshalb darin, dass die entstandenen Einsichten nicht auf der theoretischen Ebene verbleiben.

Sie werden auf konkrete Lebenssituationen angewendet.

Eine Erkenntnis ist für dieses Projekt besonders interessant, wenn sie nicht nur logisch überzeugend erscheint, sondern auch dabei hilft, reale Probleme besser zu verstehen und sinnvoller mit ihnen umzugehen.

Damit entsteht ein Kreislauf:

Beobachtung → Frage → Erkenntnisquellen → Vergleich → Retroduktion → Synthese → praktische Anwendung → neue Beobachtung

Der Prozess endet also nicht mit der Synthese.

Die Praxis wird vielmehr selbst wieder zu einer Erkenntnisquelle.

6. Die Synthese bleibt veränderbar

Eine solche Synthese erhebt deshalb keinen Anspruch auf endgültige Wahrheit.

Neue Erfahrungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder bessere Argumente können dazu führen, dass bisherige Annahmen korrigiert oder ergänzt werden müssen.

Das ist kein Fehler des Verfahrens, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon.

Die Methode ist deshalb grundsätzlich offen für Korrektur.

Eine Überzeugung wird nicht deshalb festgehalten, weil sie einmal entwickelt wurde, sondern weil sie sich weiterhin als tragfähig erweist.

7. Die drei Bereiche des Projekts

Die drei Bereiche des Projekts unterscheiden sich in ihren Fragestellungen und Inhalten.

Sie folgen jedoch demselben grundlegenden Verfahren.

Die gemeinsame Methodik bildet damit gewissermaßen das Rückgrat des gesamten Projekts.

Während die einzelnen Bereiche unterschiedliche Aspekte des menschlichen Lebens untersuchen, wird in allen drei Bereichen versucht,

Erkenntnisse unterschiedlicher Herkunft zusammenzuführen, Widersprüche sichtbar zu machen, tragfähige Zusammenhänge zu erkennen und diese anschließend auf ihre praktische Bedeutung hin zu überprüfen.

Die Methode verbindet somit die drei Bereiche, ohne ihre inhaltliche Eigenständigkeit aufzuheben.

8. Was diese Methode leisten soll

Das Ziel ist nicht, ein geschlossenes philosophisches Lehrgebäude zu errichten.

Vielmehr soll ein Instrument entstehen, mit dem sich komplexe Fragen des Lebens möglichst offen, kritisch und zugleich praxisorientiert untersuchen lassen.

Dazu gehört auch die Bereitschaft, zwischen Wissen, plausiblen Annahmen und persönlichen Überzeugungen zu unterscheiden.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

„Welche Philosophie hat recht?“

Sondern:

„Welche Erkenntnisse helfen uns, die Wirklichkeit besser zu verstehen – und welche erweisen sich in der Praxis als tragfähig?“

Ein fortlaufender Prozess

Die Methodik lässt sich letztlich als ein Kreislauf verstehen:

Wirklichkeit

Beobachtung

Frage

verschiedene Erkenntnisquellen

Vergleich und kritische Prüfung

Retroduktion

Synthese

praktische Anwendung

Erfahrung und neue Beobachtung

Überprüfung und gegebenenfalls Korrektur

Damit schließt sich der Kreis.

Aus der Praxis entsteht eine Frage.

Aus unterschiedlichen Erkenntnisquellen entsteht ein möglicher Erklärungsansatz.

Aus deren Vergleich entsteht eine Synthese.

Aus der Anwendung entsteht neue Erfahrung.

Und diese Erfahrung kann wiederum Anlass für die nächste Frage sein.

So entsteht keine fertige Lehre, sondern ein fortlaufender Prozess des Verstehens, Prüfens und Weiterentwickelns.

Das Seiffert-Modell 

Ein Problem oder eine Erfahrung wird zunächst aufmerksam wahrgenommen. Daraus wird eine eigene Erkenntnis gewonnen, möglichst stark verdichtet und öffentlich vermittelt. Die Reaktion auf diese Vermittlung wird beobachtet und fließt in die weitere Reflexion ein. Wenn aus der Erkenntnis ein konkreter Handlungsbedarf entsteht, werden vorhandene persönliche und digitale Ressourcen zur Intervention eingesetzt. Die Erfahrungen und Ergebnisse werden anschließend dokumentiert und bewahrt – wodurch neues Wissen entsteht und der Kreislauf erneut beginnen kann.

Meine einzelne Tätigkeiten sind nicht einzigartig. Die Verbindung von praktischer gesellschaftlicher Intervention, lebenspraktischer Philosophie, großer eigener Social-Media-Öffentlichkeit, langfristiger Dokumentation, Familienarchiv und mehreren funktional verbundenen digitalen Projekten ist dagegen ausgesprochen ungewöhnlich.

Wie dieses Gesamtmodell entstanden ist

Die Verbindung von Erfahrung, Erkenntnisarbeit, verschiedenen geistigen Traditionen und praktischer Anwendung ist über Jahrzehnte gewachsen. Wie sich daraus meine heutige „angewandte Philosophie“ und ihre Methode entwickelt haben, beschreibe ich ausführlich in meinem Erkenntnisweg.

Nicht die Idee der Synthese von Erkenntnissen unterschiedlicher Herkunft (Philosophie, Religionen, Wissenschaft, Erfahrung …) an sich ist neu, sondern:

1. Die explizite Verbindung mit Retroduktion als zentralem Schritt.

2. Die sehr konsequente Rückbindung an konkrete Lebenspraxis und öffentliche Intervention.

3. Die Einbettung in ein langfristiges, dokumentiertes persönliches Gesamtprojekt („Küchen-Philosophie“ + Social-Media-Öffentlichkeit + Archive).

Dieses Gesamtprojekt erfüllt folgende Merkmale gleichzeitig:

• Jahrzehntelange, bewusst geführte Rückkopplungsschleife: Erfahrung → Problem → Erkenntnis → Verdichtung → öffentliche Veröffentlichung → Resonanz beobachten → lernen → neue Intervention → Dokumentation

• Mehrere Ebenen parallel: persönlich/biografisch, philosophisch (Synthese verschiedener Traditionen), praktisch/gesellschaftlich (konkrete Interventionen), digital (reichweitenstarke Social-Media-Präsenz), archivarisch (langfristige Dokumentation inklusive Familienarchiv)

• Explizite methodische Reflexion (Retroduktion + offene Synthese)

• Kein reines Akademiker-Projekt und kein reines Aktivisten-Projekt, sondern eine Hybridform aus autodidaktischer Philosophie, Alltagsanwendung und öffentlichem Handeln

→ Mein Erkenntnisweg – von der Praxis zur angewandten Philosophie: https://rainerseiffert.com/entstehung-meiner-angewandten-philosophie-von-der-praxis-zur-theorie-und-zurueck-zur-praxis/

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