Zum Hintergrund und Zusammenhang der Essays von Rainer Seiffert

Die Essays von Rainer Seiffert behandeln auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Themen: Geschichte und Familiengeschichte, Demokratie und Wirtschaft, Aufklärung und Freimaurerei, Christentum, Philosophie und Fragen des persönlichen und gesellschaftlichen Handelns.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch zahlreiche Verbindungen. Die Essays sind über viele Jahrzehnte aus persönlichen Erfahrungen, beruflicher Tätigkeit, intensiven Studien und einer lebenslangen Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen entstanden.

Sie können deshalb auch als Stationen eines persönlichen Erkenntnisweges gelesen werden.

Erfahrungen als Ausgangspunkt

Ein wichtiger Ausgangspunkt dieses Weges sind die frühen Erfahrungen Seifferts mit Diktatur, Flucht und sozialistischer Planwirtschaft.

Als Kind erlebte er die Folgen der Vertreibung aus Schlesien und die politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit. Die Erfahrungen mit der sozialistischen Planwirtschaft in den 1950er- und 1960er-Jahren in der DDR machten für ihn die Bedeutung von Freiheit, wirtschaftlicher Ordnung und persönlichen Handlungsmöglichkeiten nicht zu einer rein theoretischen Frage.

Diese Erfahrungen bilden einen wichtigen Hintergrund für seine späteren Überlegungen zu Demokratie, Freiheit und Wirtschaftsordnung.

In seinem Essay „Entwurzelt in Schlesien“ und in seiner Familienchronik beschäftigt er sich ausführlicher mit diesem Teil seiner Lebensgeschichte.

Ein frühes persönliches Schlüsselerlebnis

Zu den prägenden Erfahrungen seines Lebens zählt auch ein Nahtoderlebnis im Alter von neun Jahren. Seiffert beschreibt in seinem Essay „Meine Philosophie“, wie dieses Erlebnis und die dabei empfundene Botschaft, noch Aufgaben erfüllen zu sollen, sein späteres Leben beeinflusst haben.

Er berichtet dort auch von seiner seit den frühen 1970er-Jahren andauernden Beschäftigung mit Religionen und Philosophien.

Ob man darin den Ausgangspunkt seines späteren Forschungs- und Tätigkeitsdrangs sehen möchte, ist letztlich eine persönliche Interpretation. Auffällig ist jedoch, dass Seiffert selbst dieses Erlebnis mit seinem weiteren Lebensweg in Verbindung bringt.

Von der praktischen Erfahrung zur wissenschaftlichen Erklärung

Besonders deutlich zeigt sich dieser Erkenntnisweg im Essay „Volkswirtschaft und kluge Haushaltsführung“.

Seiffert hatte nach eigener Darstellung bereits aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen eine kritische Haltung gegenüber der kommunistischen Planwirtschaft entwickelt. Später beschäftigte er sich im Studium der Wirtschaftswissenschaften und während seiner jahrzehntelangen beruflichen Tätigkeit mit der Frage, warum unterschiedliche Wirtschaftsordnungen unterschiedlich funktionieren.

Hier kam die Wirtschaftswissenschaft für ihn nicht als Ausgangspunkt einer persönlichen Überzeugung, sondern als Werkzeug hinzu, um zuvor gemachte Erfahrungen systematisch zu verstehen.

Die Argumente von Mises und Hayek zum Wirtschaftsrechnungs- und Informationsproblem, die ordoliberalen Überlegungen Euckens, Röpkes Vorstellungen von den gesellschaftlichen Voraussetzungen des Marktes sowie die praktische Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards bilden dabei verschiedene Bausteine seiner Erklärung.

Der Essay verbindet damit persönliche Erfahrung, wirtschaftswissenschaftliche Theorie und berufliche Praxis.

Die Frage nach der politischen Ordnung

Aus der Erfahrung von Diktatur und begrenzter persönlicher Freiheit ergibt sich eine weitere Frage: Welche politische Ordnung kann Freiheit dauerhaft sichern?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Seiffert in seinem Essay „Das Wesen der Demokratie und warum ihre Institutionen verteidigt werden müssen“.

Demokratie wird dort nicht lediglich als Herrschaft der Mehrheit verstanden. Im Mittelpunkt stehen vielmehr ihre institutionellen Voraussetzungen: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Grundrechte, begrenzte staatliche Macht und die Möglichkeit eines friedlichen Machtwechsels.

Damit schließt dieser Essay unmittelbar an die wirtschaftspolitischen Überlegungen an. Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung und eine freiheitliche politische Ordnung werden als miteinander verbundene Voraussetzungen einer freien Gesellschaft betrachtet.

Aufklärung und Freimaurerei

Eine weitere Station dieses Erkenntnisweges führt zur Aufklärung und zur Freimaurerei.

Seiffert hat sich nicht nur aus der Literatur mit diesen Themen beschäftigt, sondern ist selbst langjährig Mitglied einer Freimaurerloge und übte dort auch das Amt des Meisters vom Stuhl aus.

Dadurch besitzt seine Beschäftigung mit der Freimaurerei eine besondere persönliche Dimension.

Im Mittelpunkt stehen für ihn Fragen wie Vernunft, Mündigkeit, Toleranz, Humanität und die Begrenzung von Macht.

Dabei versteht er Aufklärung und Freimaurerei nicht als alleinige Ursache der modernen Demokratie. Vielmehr untersucht er ihre Bedeutung innerhalb jener geistigen Entwicklungen, aus denen moderne Vorstellungen von Freiheit, Menschenrechten und demokratischer Ordnung hervorgegangen sind.

Christentum und Philosophie

Noch stärker auf die grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens richtet sich die Beschäftigung mit Christentum und Philosophie.

Seiffert bezeichnet die Geisteswissenschaften beziehungsweise Theologie und Philosophie als Disziplinen, die ihn besonders interessiert und begleitet haben.

Nach eigener Darstellung hat er die Bibel mehrfach systematisch durchgearbeitet und sich über Jahrzehnte mit religiöser und philosophischer Literatur verschiedener Traditionen beschäftigt.

In „Meine Philosophie“ beschreibt er Philosophie nicht lediglich als theoretische Beschäftigung, sondern als Orientierung für das eigene Leben.

Christentum, Philosophie und Aufklärung erscheinen dabei nicht als voneinander isolierte Themen. Vielmehr versucht Seiffert, Gemeinsamkeiten und Spannungen zwischen Vernunft, Glauben, Freiheit, Verantwortung und Menschenbild herauszuarbeiten.

Geschichte und Erinnerung

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte.

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung führt dabei über die persönliche Erinnerung hinaus zu historischen Fragen: Was geschah mit den Menschen, die ihre Heimat verloren? Wie verändern politische Systeme das Leben einzelner Familien? Was wird erinnert und was gerät in Vergessenheit?

Die Familienchronik und die historischen Essays sind deshalb nicht nur private Erinnerungsarbeit. Sie sind zugleich der Versuch, persönliche Erfahrungen in ihren historischen Zusammenhang einzuordnen und für nachfolgende Generationen zu dokumentieren.

Vom Denken zum Handeln

Ein wiederkehrendes Motiv in Seifferts Denken ist, dass Erkenntnis nicht bei der bloßen Betrachtung stehen bleiben sollte.

Seine verschiedenen Tätigkeiten zeigen diesen Übergang vom Nachdenken zum Handeln auf unterschiedliche Weise: in der Berufspraxis, in der Kommunalpolitik, in der Freimaurerei, in der historischen Dokumentation und in seinem späteren gesellschaftlichen Engagement.

Auch seine aktuellen Aktivitäten stehen in diesem Zusammenhang. Wenn er ein Problem als wichtig erkannt hat, versucht er nicht nur darüber zu schreiben, sondern auch praktisch auf Veränderungen hinzuwirken.

Ein gemeinsamer roter Faden

So unterschiedlich die Themen seiner Essays sind, lassen sich einige wiederkehrende Grundfragen erkennen:

Was bedeutet Freiheit?

Wie kann politische Macht begrenzt werden?

Welche wirtschaftliche Ordnung ermöglicht Wohlstand und Eigenverantwortung?

Welche geistigen Voraussetzungen braucht eine freie Gesellschaft?

Welche Verantwortung trägt der Einzelne?

Wie können Erfahrungen und Erkenntnisse an andere weitergegeben werden?

Die Antworten sucht Seiffert nicht in einer einzigen Disziplin. Wirtschaftswissenschaft, Geschichte, Politik, Philosophie, Theologie und die eigene Lebenserfahrung bilden vielmehr unterschiedliche Perspektiven auf dieselben grundlegenden Fragen.

Ein lebenslanger Erkenntnisweg

Die Essays lassen sich daher auch als ein über Jahrzehnte gewachsenes Gesamtprojekt verstehen.

Der Weg beginnt bei persönlichen Erfahrungen und Fragen, führt über Studium und berufliche Praxis zu wissenschaftlicher und historischer Beschäftigung und reicht schließlich bis zu philosophischer und religiöser Reflexion sowie praktischem gesellschaftlichem Engagement.

Dabei steht nicht immer dieselbe Fachdisziplin im Vordergrund. Je nach Fragestellung verändert sich der Zugang.

Beim Thema Volkswirtschaft verbindet Seiffert akademische Ausbildung und jahrzehntelange Berufserfahrung mit eigenen Erfahrungen aus der Planwirtschaft.

Bei Freimaurerei und Aufklärung verbindet sich intensive Beschäftigung mit eigener praktischer Erfahrung.

Bei Christentum und Philosophie steht eine über Jahrzehnte betriebene persönliche und selbstständige Auseinandersetzung mit den Quellen und ihren Fragen im Mittelpunkt.

Bei der Familiengeschichte kommen persönliche Erinnerung, Zeitgeschichte und Dokumentation zusammen.

Gerade diese unterschiedlichen Zugänge machen den besonderen Charakter der Essays aus.

Die Essays als Einladung zum eigenen Nachdenken

Seifferts Texte verstehen sich nicht nur als Darstellung von Wissen. Sie sind zugleich Ausdruck persönlicher Überzeugungen und einer lebenslangen Suche nach Antworten.

Wer die einzelnen Essays nicht isoliert, sondern in ihrem biografischen Zusammenhang liest, kann deshalb einen übergeordneten Gedanken erkennen:

Freiheit, Verantwortung, Vernunft, Glaube und eine funktionierende gesellschaftliche Ordnung gehören für Seiffert zusammen.

Die einzelnen Essays sind unterschiedliche Versuche, diese Zusammenhänge zu verstehen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse an andere weiterzugeben.

Die folgende Sammlung bietet die Möglichkeit, diesen Erkenntnisweg anhand der einzelnen Essays selbst nachzuvollziehen.

https://rainerseiffert.com/die-essays-von-rainer-seiffert/

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